2025
Können wir uns die Reichen noch leisten?- Menschenrechte und Armut
Grußwort von Schirmherrin Ann-Marie Kaiser
Armut und Menschenrechte: Können wir uns die Reichen noch leisten?
Eine spannende Frage, die sich das Team der Menschenrechtswoche dieses Mal überlegt hat!
Tatsächlich hat diese Frage die Menschheit schon immer umgetrieben: Welche Verteilung ist gut für das Zusammenleben?
Platon schlug vor, das Verhältnis zwischen denen, die am Wenigsten, und denen die am Meisten haben, sollte höchsten das drei – oder vierfache betragen. Davon sind wir aktuell sowohl global als auch innerhalb Deutschlands sehr weit entfernt.
Die reichere Hälfte in Deutschland hält auf individueller Ebene 99,5 Prozent des gesamten Nettovermögens, die ärmere Hälfte besitzt lediglich 0,5 Prozent.
Als Koordinatorin für Kinderchancen in Tübingen erfahre ich regelmäßig von Armutsfolgen, die benachteiligen und ausgrenzen. Hungrig in die Schule kommen, kein Geld für gute Winterkleidung haben, keinen bezahlbaren Wohnraum finden - das sind reale Lebenssituationen von Kindern, Jugendlichen und Familien in Tübingen. Deutschlandweit ist
mehr als jedes fünfte Kind von Armut betroffen. Ein Aufwachsen im Wohlergehen ist für Kinder aus armutsbetroffenen Familien möglich, aber deutlich schwerer zu erreichen als für Kinder aus ressourcenreichen Familien.
Das Ausmaß der Ungleichheit, die wir aktuell erleben, in Deutschland und weltweit, gefährdet die Gewährleistung der Menschenrechte. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren (Artikel 1 Menschenrechte). Das Recht auf Wohlfahrt (Artikel 25) beinhaltet die Ermöglichung eines Lebensstandards, der das Wohl und die Gesundheit
der Person und der Familie gewährleistet. Das Recht auf soziale Sicherheit (Artikel 22) muss gesellschaftspolitisch hergestellt werden.
Durch extremen Reichtum geraten diese und weitere Menschenrechte ins Wanken- Superreiche haben mehr gesellschaftliche Macht, können ihre Interessen durchsetzen, ihren Kindern bessere Chancen verschaffen, und sie können mehr konsumieren und tun dies durchschnittlich auch: Die oberen 1% der reichen Deutschen emittieren pro Kopf 20 mal so viel CO2 wie die unteren 50% - die Folgen müssen aber alle tragen.
Große ökonomische Ungleichheit zieht soziale Ungleichheit und Ungleichheit in der Wahrnehmung von Rechten nach sich- sie hat das Potenzial zu spalten und Teilhabe und Solidarität zu gefährden. Umso wichtiger sind kritische Fragen wie diese, die die Aktiven der Menschenrechtswoche gestellt haben: Unsere Ressourcen sind begrenzt, die Frage ihrer
Verteilung ist eine ethische, aber auch eine existentielle. Übermäßigen Reichtum können wir uns nicht (mehr) leisten.
Herzlichen Dank dem Team der Menschenrechtswoche dafür, das Thema Armut und Reichtum dieses Mal zu beleuchten und die Woche dazu zu gestalten, ich wünsche gutes Gelingen!
Ann-Marie Kaiser, Koordinatorin für Kinderchancen, Universitätsstadt Tübingen